Tonnenschwere Verschwendung

10. Januar 2018 06:00; Akt: 09.01.2018 21:08 Print

Lebensmittelentsorgung: Filialleiter packt aus

Ein Wiener Supermarkt warf kiloweise Weihnachtsschokolade in den Müll. "Heute" sprach mit einem Insider über die gängigen Vorgehensweisen der Einzelhändler.

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Diese Schokolade musste ein Supermarkt-Mitarbeiter wegschmeißen.

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Der Bericht über die weggeworfene Schokolade sorgte unter den "Heute"-Lesern für Entsetzen. Die Süßigkeiten waren nicht über dem Haltbarkeitsdatum, sondern wären noch monatelang genießbar gewesen. Doch die Schoko-Nikolos und Krampusse waren einem Supermarkt in Wien, zwei Wochen nach Heiligabend, nicht mehr zeitgemäß – also musste die Ware entsorgt werden.

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Wiener Filialleiter packt über gängige Methoden aus

"Heute" sprach mit einem Mann, der in Wien seit mehreren Jahren in verschiedenen Supermärkten gearbeitet hat. Mittlerweile ist Markus N. (Name redaktionell geändert) Filialleiter und kennt sich in der Branche bestens aus. Für ihn war der Bericht alles andere als eine Überraschung.

"Wenn eine Ware nicht mehr dem jeweiligen Sortiment entspricht, wird sie zuerst reduziert angeboten und in weiterer Folge entsorgt", erzählt Markus. Das gleiche gilt für Lebensmittel, die dem Ablaufdatum näher kommen.

Es herrsche ein enormer "Warendruck" auf die Filialleiter, wodurch grundsätzlich immer zu viel Ware bestellt werde. "Der Fall, dass ein Lebensmittel zu knapp wird oder gar fehlen könnte, darf unter keinen Umständen auftreten. Da nehmen es viele in Kauf, dass die Produkte im Nachhinein weggeschmissen werden - das ist gängige Praxis", so Markus N. gegenüber "Heute".

Markus N. setzt aber noch einen drauf: "Man kauft eben viel ein und schmeißt im Endeffekt auch viel weg. Das ist so budgetiert und in den Kosten eingerechnet." Umso weniger wundert es ihn, dass einwandfreie Ware, die nicht abgelaufen ist, trotzdem im Müllcontainer landet. Findet das Weihnachtssortiment keine Käufer mehr, wird es einfach entsorgt.

Demnach gibt es in dieser Angelegenheit keine Rücksicht auf Verluste der Supermärkte. Den Mitarbeitern ist es natürlich verboten über diese Missstände außerhalb des Betriebes zu berichten - wer nicht schweigt, wird gekündigt.

Einige Filialen haben Abmachungen

Wohltätigkeitsorganisationen kontaktieren in regelmäßigen Abständen, etwa ein bis zwei mal pro Woche, bestimmte Supermärkte. Dabei wird angefragt, ob es unbenötigte Ware gäbe, die man herschenken könnte. "Gegebenenfalls werden dann die Produkte abgeholt und man kann sie sinnvoll für bedürftige Menschen verwenden. Das sind aber eher Ausnahmefälle.", berichtet Markus.

Haftungsfrage als großes Problem

"Das eigentliche Dilemma ist die Haftungsfrage!", klärt Ing. Dr. Karin Büchl-Krammerstätter, Leiterin der Wiener Umweltschutzabteilung - MA 22, auf. "Für die Weitergabe von Lebensmitteln an soziale Einrichtungen gelten alle Bestimmungen des österreichischen Lebensmittelrechts, insbesondere auch jene über die Lebensmittelsicherheit, ohne Einschränkungen."

Heißt: Derjenige, der Lebensmittel an Letztverbraucher abgibt, übernimmt die volle Verantwortung und ist dafür haftbar. Die Haftungsfrage verkompliziert die Weitergabe der Ware und hat somit einen wesentlichen Anteil an der tonnenschweren Verschwendung.

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(mz/mp)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Reha am 10.01.2018 06:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Rudi

    Schade im Kinderspital wäre es eine kleine sinnvolle Geste geworden

    einklappen einklappen
  • Petra am 10.01.2018 08:01 Report Diesen Beitrag melden

    Billiger zu verkaufen geht ja auch

    Ist ja auch möglich diese Produkte billiger herzugeben. Habe letztens Weihnachtsschokolade um minus 50 Prozent gekauft. Gibt es sicher viele Kunden die diese Produkte dann noch kaufen. Wegschmeißen ist für mich keine Lösung

    einklappen einklappen
  • magister am 10.01.2018 07:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    einem geschenkten Gaul (Volksweisheit)

    Wieder sind weltfremde gesetzliche Regelungen einer sinnvollen Lösung im Weg. Hoffen wir auf eine Bereinigung durch die angekündigten Reformen von Minister Moser!

Die neuesten Leser-Kommentare

  • Aufgepasst am 12.01.2018 11:27 Report Diesen Beitrag melden

    zustand

    ich war gestern bei einem anderen .....der hat nach wie vor weihnachtsmilka strark verbilligt im regal! wieso haut die eine filliale alles weg so zeitig, während er selbe Unternehmer in einer anderen filiale immer noch verbilligt weihnachtsschoko hergibt! stimmt da was allgemein nicht ? es gehören mystery shopper her vom lebensmittelamt her, die nebst auch aufzeigen das konsequent verdorbenes und abgelaufenens nach vor geschlichtet wird. ich selber könnte in einem tag zig Fotos bringen .... aber am ende ist wieder die frage: wem scherrts ....und treffen wird's den kleinen regalbetreuer..

  • L. Maier am 11.01.2018 12:41 Report Diesen Beitrag melden

    Unfassbar

    Wie pervers ist das denn? Tonnen von essbaren Lebensmittel in den Müll!! Diese Bestimmungen gehören umgehend geändert.

  • Gerhard am 11.01.2018 11:17 Report Diesen Beitrag melden

    Hr.

    Ich als Filialleiter würde es drauf ankommen lassen ob ich gekündigt werde wenn ich Ware die noch völlig in Ordnung ist nicht in den Müll werfe und an bedürftige weitergebe.Ich denke jedes Arbeitsgericht würde mir recht geben.Aber da ist jeden sein eigener Ars.....wichtiger als der soziale Aspekt.

  • Tom am 10.01.2018 21:04 Report Diesen Beitrag melden

    Zwangsmülltrennung wäre die Lösung

    Wenn man die Konzerne/Filialen zwingt den Müll zu trennen und das auch kontrolliert würde das nicht passieren. Möchte sehen wie die Hunderte Süßigkeiten einzeln auspacken und Alu, Kunststofffolie und Schockolade trennen

  • Helga am 10.01.2018 20:43 Report Diesen Beitrag melden

    Frau

    Wissen die überhaupt wie sich arme Kinder freuen würden,könnte zum Beispiel,bei der Kasse stehen und jeder kann sich wenn er möchte ein Stück nehmen,sobald sich die Leute es sich selbst nehmen,haben die keine Verantwortung mehr!!!!!