10. Mai 2020 19:17; Akt: 10.05.2020 19:17 Print

Strache bereut Rücktritt als FPÖ-Obmann

von heute.at - In einem Interview, das Heinz-Christian Strache zwei Tageszeitungen gegeben hat, bedauert er es nach "Ibiza" als FPÖ-Chef abgedankt zu haben.

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Strache hat sich von der FPÖ verabschiedet. Über 14 Jahre lang war er Bundesparteiobmann der Freiheitlichen. Eine Häufung von Skandalen zwang ihn schlussendlich dazu, die Partei zu verlassen. Anfang der 1990er Jahre lernte Strache den Zahnarzt und damaligen FPÖ-Bezirksobmann in Wien-Landstraße, Herbert Güntner, kennen. Durch diese Bekanntschaft kam er mit der FPÖ in Kontakt und wurde Mitglied der Partei. Im Alter von 21 Jahren wurde er 1991 jüngster Bezirksrat in Wien, drei Jahre später löste er Güntner als FPÖ-Bezirksobmann des 3. Bezirks ab. Im Jahr 1996 schied er in seiner Position als Bezirksrat aus, wurde Abgeordneter im Wiener Landtag und Mitglied des Landesparteivorstandes der FPÖ Wien, dessen Mitglied er heute noch ist. Zwischen 1997 und 1998 war er außerdem Geschäftsführender Landesobmann des Rings Freiheitlicher Jugend (RFJ). Im Landtag setzte er sich unter anderem gegen die von der SPÖ und den Grünen beschlossene "Stadtbürgerschaft" und das Ausländerwahlrecht in Wien ein. Strache lernte Jörg Haider bereits 1991 beim Wiener Wahlkampf am Viktor-Adler-Markt kennen. Damals war er 22 und freiheitlicher Bezirksrat in der Landstraße. Die beiden wuchsen mit der Zeit immer enger zusammen. Haider sagte den Journalisten kurz vor seinem Tod, er glaube, er sei für Strache "ein bisschen Vaterersatz" gewesen, "ein Vorbild, zu dem man aufschauen kann, von dem man sagt, so möchte ich auch einmal werden". Im März 2004 wurde Heinz-Christian Strache zum Obmann der Wiener FPÖ gewählt. Zu dieser Zeit wurde über mögliche EU-Betrittsverhandlungen diskutiert. Während der Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider die Gespräche befürwortete, sprach sich Strache gegen diese aus. Er vertrat die Position, dass die Türkei kein Teil Europas sei. Nur ein Jahr später wird Strache Obmann der FPÖ. Er profitierte davon, dass sowohl Jörg Haider als auch seine Schwester Ursula Haubner die Partei verließen und das BZÖ gründeten. Strache übernahm die FPÖ in einer turbulenten Phase. Die Umfragewerte lagen bei sieben Prozent. Bei der Landtags- und Gemeinderatswahl in Wien konnte man aber überraschend 14,8 Prozent der Stimmen gewinnen. Zwar ein Verlust von 5,3 Prozent, jedoch fiel dieser deutlich geringer aus als erwartet. Die Kampagne der FPÖ wurde als fremdenfeindlich und diskriminierend eingestuft. Im Wahlkampf ließ Strache den Wahlslogan "Wien darf nicht Istanbul werden!" plakatieren. Als Bundesparteiobmann nahm Strache im Sommer 2005 auch erstmals bei den alljährlich stattfindenden ORF-Sommergesprächen teil, wo ihm Armin Wolf nachweisen konnte, dass eine Zusammenfassung des Buchs "Der Waldgang" von Ernst Jünger auf der Homepage von Strache ein Plagiat des ehemaligen Neonazi und Journalisten Jürgen Hatzenbichler war. Strache erreichte gemeinsam mit seiner Partei bei der Nationalratswahl 2006 11,03 Prozent der Wählerstimmen, was ein leichtes Plus von 1,02 Prozent im Vergleich zur Wahl 2002 bedeutete. Mit 21 Mandaten war die FPÖ gleichauf mit den Grünen die drittgrößte Partei des österreichischen Parlaments. In dieser Zeit griff Strache neben Ausländern auch zunehmend den Islam an. Der Islamismus sei der "Faschismus des 21. Jahrhunderts" und das Symbol dieser Ideologie sei die Moschee mit dem Minarett. Deshalb forderte Strache ein Bauverbot für Minarette und Deutsch als Pflichtsprache für Predigten in Moscheen. 2007 wurde ein Foto von Strache aus dem Jahr 1989 veröffentlicht. Es zeigt ihn in Tracht sitzend mit drei erhobenen, gestreckten und gespreizten Fingern der rechten Hand. Die Geste wurde als "Kühnengruß" interpretiert, eine Variante des Hitlergrußes. Strache bestritt dies und erklärte die Geste als alten "Gruß der Südtiroler Freiheitskämpfer", zog diese Erklärung aber zurück und erklärte, er könne sich nicht mehr daran erinnern, was er mit dieser Geste signalisieren wollte, und verglich sie mit der Bestellung von "drei Bier". Nach der Gründung des Kosovo 2008 sprach sich Strache gegen ein von Serbien unabhängiges Kosovo aus und bezeichnete sich selbst als "Freund der Serben". Im selben Jahr kam es zu einem Bruch zwischen den Regierungsparteien ÖVP und SPÖ und es standen vorgezogene Nationalratswahlen bevor. Strache trat als Spitzenkandidat der FPÖ an und erreichte 17,54 Prozent der Stimmen. Hier beglückwünscht ihn seine damalige Freundin Andrea Eigner. Bei der Landtags- und Gemeinderatswahl in Wien 2015 erreichte Strache mit der FPÖ Wien 30,79 Prozent der abgegebenen Stimmen und damit ihr bisher bestes Ergebnis in der Bundeshauptstadt. Das ausgegebene Ziel, die SPÖ zu überholen, wurde zwar verfehlt, aber man konnte ein Drittel der Mandate im Wiener Landtag erreichen. Im Jahr 2016 heiratete Strache zum zweiten Mal. Am 4. März 2017 wurde Strache mit seinem bisher höchsten Ergebnis von 98,7 Prozent der Delegiertenstimmen zum Bundesparteiobmann wiedergewählt und vom Bundesparteivorstand einstimmig als Spitzenkandidat für die Nationalratswahl in Österreich 2017 nominiert. Am 13. Juli 2017 wurde Strache durch Nationalratspräsidentin Doris Bures das Große Goldene Ehrenzeichen mit dem Stern für Verdienste um die Republik Österreich verliehen. Zuvor hatte der damalige Bundespräsident Heinz Fischer 2012 seine Unterschrift unter die Verleihungsurkunde verweigert. 2017 erreichte die FPÖ bei der vorgezogenen Nationalratswahl 26 Prozent der Stimmen. Damit lag man knapp hinter der SPÖ (26,9 Prozent) auf Platz drei, konnte sich dennoch auf eine Koalition mit der ÖVP einigen. Im Mai 2019 wurde das Land vom Ibiza-Skandal erschüttert. Strache trat als Parteiobmann zurück. Bei den Ermittlungen gegen Strache wurde ein mutmaßliches Spesenkonto veröffentlicht. Laut dem Wiener FPÖ-Landesparteiobmann Dominik Nepp sollte das Spesenkonto einen monatlichen Verfügungsrahmen von 10.000 Euro aufgewiesen haben. Die FPÖ erlebte bei den vorgezogenen Nationalratswahlen mit minus 10 Prozent ein Debakel. Viele Wähler, aber auch Parteimitglieder nahmen Strache als Sündenbock. Im Oktober 2019 dann das vorläufige Ende der Polit-Karriere: Strache zog sich aus der Politik zurück. "Vorerst", wie er in einer Weinbar erklärte.

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Heinz-Christian Strache bereut es, nach "Ibiza-Affäre" als FPÖ-Chef zurückgetreten zu sein. Das betonte er in einem Interview, das er der "Krone" und der "Presse" gegeben hat. Wörtlich sprach der frühere Vizekanzler von einem "Fehler".

Strache erklärte, dass er mit seinem Rücktritt als Vizekanzler die Regierung mit der ÖVP retten wollte. Erneut legte Strache seine Sicht der Dinge dar, dass der damalige Bundeskanzler Sebastian Kurz ihm eine Fortsetzung für den Fall seines Rücktritts versprochen habe. Kurz bestätigte dieses Versprechen nie. Den Rücktritt als Vizekanzler bereut Strache nicht, dieser sei richtig gewesen, aber die Aufgabe des Postens als Parteichef sei ein Fehler gewesen.

Enttäuscht von ehemaligen Parteikollegen

Enttäuscht zeigte sich Strache im Gespräch nicht nur von Kurz, sondern auch von ehemaligen Mitstreitern. Er habe "unterschätzt", wie ehemalige Parteifreunde auf den eigenen Vorteil bedacht gewesen seien und wie groß der ÖVP-Wunsch nach einer Alleinregierung gewesen sei. Nach seinem Rückzug aus der Regierung habe es aus seiner Sicht "keinen Grund mehr für Neuwahlen gegeben", so Strache.

Strache, der nun im Herbst für DAÖ antreten wird, ist auch nach einem Jahr noch nicht gut auf seine ehemalige Partei zu sprechen. Zwar sei das dritte Lager in Österreich wichtiger denn je, er glaube aber nicht, dass unter den jetzigen FPÖ-Chefs Norbert Hofer (Parteiobmann) und Herbert Kickl (Klubobmann) "wahre freiheitliche Werte noch eine Rolle spielen".

Von Gudenus enttäuscht

Hofer wolle die FPÖ an die ÖVP annähern, Kickl eine österreichische Version der ungarischen Jobbik etablieren, so der Vorwurf des ehemaligen Vizekanzlers. Unter ihm habe es so etwas nicht gegeben. "Meine FPÖ war den Werten von 1848 verpflichtet", so Strache. Mit dieser Vision einer freien und sozialen Bürgergesellschaft werde er auch im Herbst bei der Gemeinderatswahl in Wien antreten.

Wie Strache in dem Interview verriet, hat er zu seinem ehemaligen Wegbegleiter und Freund Johann Gudenus, der ebenfalls über "Ibiza" stolperte, keinen Kontakt mehr. Er sei von ihm "naturgemäß" enttäuscht, verriet Strache.

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