"Arthur & Claire"

14. Februar 2018 06:00; Akt: 14.02.2018 11:28 Print

Lebensmüder Josef Hader muntert sich mit Joint auf

von M. Dorner - Was machen ein Sterbehilfe-Patient und eine Selbstmordgefährdete in Amsterdam? Sie kiffen. Klingt grotesk, ist genial. Und Schuld daran ist (wieder einmal) Josef Hader. Talk zum Film:

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Josef Hader fährt Achterbahn. Diesmal allerdings nicht die Wilde Maus (***Hader im wilden Achterbahn-Interview***) im Prater, sondern sie des Lebens – als unheilbar Kranker will er sich in Amsterdam beim Sterben helfen lassen. Absurd, dass ihm ausgerechnet Selbstmordkandidatin Claire (Hanna Hoekstra) diese Tour vermasseln will.

Depressives Duo serviert lakonische Wuchteln
Der Dialog zwischen diesen zwei Menschen, ein multipler Orgasmus lakonischer Wucheln, der das Kammerspiel 90 Minuten lang trägt, wie die Wellen die Boote in den Grachten. Hader spielt Hader, sein Kabarett-Programm ist längst Naturgesetz – den kaum kommt er zum Zug, ist die Geschichte die seine. Die Begegnung zweier Menschen im Moment ihres größten Unglücks wird zur tragikomischen Achterbahnfahrt der Gefühle. Innerhalb weniger Stunden lernen sie nicht nur einander, sondern auch sich selbst völlig neu kennen und finden einen gemeinsamen Weg in eine offene Zukunft. Ob sich die lohnt, darf jeder selber entscheiden.

Der Kabarettist und der Shooting-Star
Frei nach dem gleichnamigen Theaterstück von Stefan Vögel erzählt "Arthur & Claire", wie sich Tragik in Hoffnung verwandeln kann, wenn man das Glück hat, dem richtigen Menschen zu begegnen, auch wenn es schon fast zu spät dafür ist. Regie führte Miguel Alexandre, der gemeinsam mit Josef Hader das Drehbuch schrieb. Als Claire überzeugt und Newcomerin Hannah Hoekstra, Shootingstar bei der Berlinale 2017.

Interview mit Josef Hader

"Heute": Arthur behauptet, "holländisch klingt wie eine Halsentzündung." Finden Sie das auch?

Hader: Überhaupt nicht. Holländisch ist eine Sprache mit Struktur. Sie ist also perfekt dafür, weiche Dinge zu sagen. Wenn ein Wiener etwas Nettes sagt, verwischt sich das gleich zu sehr und klingt dann gar nicht so schön. Wenn ein Wiener etwas Hartes sagt, klingt das super. Umgekehrt: Wenn ein Holländer schimpft, möchte ich nicht dabei sein. Wenn er was Nettes sagt, ist das besonders nett. Weil das dann von starken Konsonanten eingerahmt ist.

"Heute": Das unaussprechlichste Wort auf Holländisch ist laut Claire "Schip beschuit" – also Schiffszwieback. Was ist denn das, bitte?

Hader: Das ist etwas unter Seefahrernationen, eine Art im Backrohr hart gemachtes Brot, das über viele Wochen im feuchten Klima nicht verschimmelt. Ich glaube, Zwieback war einst nur dafür gemacht. Erst jetzt gibt's die Variante für den schlechten Magen im Supermarkt. Das verdanken wir wohl den Matrosen.

"Heute": Wie kommt man ausgerechnet auf dieses Wort?

Hader: Der Miguel (Regisseur Miguel Alexandre, Anm.) hat einfach genau das gemacht. Geschaut, was unaussprechlich ist, und das Wort dann Hannah in den Mund gelegt.

"Heute": Also eh die ganz banale Herangehensweise…

Hader: Ja. Man muss sich bei Künstlern immer vorstellen, dass es banal zugeht. Dann liegt man meistens richtig. Zumindest bei so niederen Künstlern wie bei uns.

"Heute": Arthur will alles kontrollieren, sogar den Tod. Beim Kiffen entspannt er sich zum allerersten Mal wirklich. Können Sie loslassen oder verkrampfen Sie auch schon nur beim Versuch?

Hader: Nein. Das ist ein starker Wesenszug dieser Figur, dass sie alles kontrollieren will. Und alles bis ins Kleinste planen will. Das ist ja auch der Grund, warum Arthur seinen Tod plant. Ich bin jemand, der viele Dinge nicht wissen will, einfach, weil, ich dann selber von mir weiß, dass sich so entspannter bin. Viele Dinge kann man ja nicht ändern, dann muss ich das auch nicht wissen. Wenn man so will: Wenn der Wind weht, bin ich elastisch. Einfach, weil alles andere nichts bringt. Aber diese Elastizität hat etwas sehr Fixes. Ihr Ursprung ist ja der, dass ich mich nicht brechen lasse. Sobald der Wind weg ist, stehe ich schon wieder. Und zwar genau dort, wo ich schon gestanden bin. Ich fechte ungern große Kämpfe aus, strebe aber auch als Künstler unbeirrt Situationen an, in denen ich eben nicht kämpfen muss, sondern mich in Ruhe entwickeln kann. Über den Kampf passiert bei mir nichts, außer, dass ich mich verkrampfe. Ich hab's also mehr mit dem Schilf, als mit dem Baumstamm.

"Heute": Sind Sie für Sterbehilfe?

Hader: Da hab ich auch eine entspannte Haltung. Es gibt eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass mich der Tod unvermutet ereilt. Da brauch ich mich mit Sterbehilfe nicht auseinandersetzen. Dann gibt's den Fall, dass ich weiß, dass ich sehr krank ist. Dann kann ich mir überlegen, wie ich das gestalten will. Dann hat man entweder den Luxus oder die Qual, sich darauf vorzubereiten. Ich hab keine Freude daran, zu wissen, an welchem Tag zu welcher Uhrzeit ich sterben will. Das ist ein unangenehmer Gedanke. Wäre ich in der Situation, würde ich mit guten Palliativmedizinern sprechen und schauen, ob sie mir nicht eh einen leichten Rausch bieten können, wo ich so rüberdämmere. Dann brauche ich keine Sterbehilfe. Wenn du aber in der Qual lebst, wie Arthur, zu ersticken, kann ich das verstehen. Solange das bei mir nicht eintritt, mach ich mir lieber andere Gedanken.

"Heute": Hader spielt Hader. Der Name Ihres Kabarettprogramms ist für mich mittlerweile ein Naturgesetz. Es wirkt immer so, als würde sich der Film um Hader wickeln – und nie umgekehrt. Damit meine ich nicht, dass sie schlecht schauspielern, weil Sie sich nicht verwandeln können. Aber es mutet immer so an, als erzähle der Film IHR Leben.

Hader: Ich glaube, es liegt daran, dass es zwei grundlegende Arten gibt, sich eine Rolle zu erarbeiten. Da ist einerseits die starke Verwandlung, was manche Schauspieler können. Und dann gibt's die, die sich überlegen, wie sie den anderen spielen und trotzdem von sich etwas verwenden können. Da ist dann so, dass die gespielte Figur wie durchsichtig drüberliegt. Ganz banal: Wenn ich den Patholgen in "Der Aufschneider" hernehme und jetzt Arthur, sind das schon grundlegend verschieden Menschen, auch in der Art, wie viel sie von sich selbst verraten. Aber ich kann gar nicht so weit weggehen, dass ich auch äußerlich ein ganz anderer Mensch werde. Wenn das nicht richtig gut gemacht ist, hat das immer etwas von der Virtuosität eines Zirkuspferdes. Das kann ich nicht, das will ich aber auch nicht. Unbestritten ist es, dass es Schauspieler gibt, die beides können. Sich feinstofflich verwandeln und äußerlich.

"Heute": Ist es vermessen, zu sagen, dass Sie aber auch immer das Glück haben, Rollen spielen zu können und in Leben einzutauchen, die eh auch zum Hader passen würden?

Hader: Ich suche mir diese Rollen ja aus. Der Vorteil ist, dass ich nicht nur von der Schauspielerei lebe, da ich ja auch Kabarettist bin. Deshalb kann ich mir das anders aussuchen, als einer, der das hauptberufllich macht.

"Heute": Der Film ist ein Feuerwerk lakonischer Wuchteln. Gab's einen Moment, in dem Sie wussten, dass die Dialoge – die alles tragen – funktionieren?

Hader: Nein, denn das weiß man nie. Am Set hat man nur ein Gefühl, wie vorher beim Schreiben. Wenn man sich nicht sicher ist, probiert man Szenen in diversen Farben und Temperaturen und hofft, dass am Ende die Dinge so sind, wie man sie gerne hätte. Der Vorteil beim Film: Man muss nicht in der Sekunde entscheiden, sondern kann wie ein Schmetterlingssammler Verschiedenes mitnehmen und dann im Schnitt schauen, was am besten passt.

"Heute": Als Live-Berichterstatter oder gar Tageszeitungsjournalist wären Sie dann aber fehl am Platz…

Hader: Absolut. Bei einer E-Mail, die länger als drei Zeilen hat, habe ich nämlich die Angewohnheit, sie am Abend zu beginnen und erst am nächsten Tag zu beenden und abzuschicken. In der Tagesberichterstattung wäre ich falsch.

"Heute: Arthur macht eine Liste mit Dingen, die er im Tod nicht vermissen würde: das Geräusch vom Staubsauger, E-Mails… Für Sie auch beides unvezichtbar?

Hader: E-Mails würde ich auch nicht vermissen, allerdings sind sie eine sehr gute Möglichkeit, Telefonate zu vermeiden. Deshalb hab ich Mails gegenüber gar nicht so eine schlechte Einstellung.

"Heute": Aber was steht dann auf Ihrer Liste?

Hader: Smalltalk. Das wäre das einzige. Normalerweist ist es ja so: Es gibt alles auch in Gut. Aber Smalltalk in Gut hab ich noch nie kennengelernt.

"Heute": Sind Sie auch so ein Whiskey- und Weinkenner wie Arthur?

Hader: Nein, und ich will auch keiner werden. Ich versuche, so etwas nicht zu beachten. Entweder es schmeckt mir, oder nicht. Ich bin ein Bauernkind. Wenn etwas sehr viel kostet, schmeckt's mir automatisch nicht. Beziehunsgweise: Es schmeckt, aber es macht mir keine Freude. Da es keine Kunst ist, etwas zu finden, was teuer ist und gut schmeckt.

"Heute": "Das Leben soll man bis zur Neige auskosten." Soll man das?

Hader: Ich finde den Satz nicht gut. Weil, wenn ich das Gefühl hätte, ich müsste es bis zur Neige auskosten, hätte ich nur Stress. Ich glaube nicht an eine Art Genussmaximierung. Obwohl das jetzt ja total im Trend liegt. Man soll total individuell sein und das Leben zugleich größtmöglich auskosten. Und wir sehen lauter Menschen, die weder das eine, noch das andere könne. Sondern beidem verzweifelt nachlaufen. Deshalb denke ich, dass man das am ehesten über Entspanntheit schafft.

"Heute": Sind Sie mit dem Ende des Films glücklich?

Hader: Nein. Ich persönlich finde s zu unbesorgt. Ich hab da aber eine große Entspanntheit, weil ich ja keine Verantwortung dafür trage. Ich bin ja nicht der Regisseur.

"Arthur & Claire" startet am 16.2 im Kino