Propaganda-Video veröffentlicht

14. März 2019 15:11; Akt: 14.03.2019 16:13 Print

So sieht es im Inneren der letzten IS-Festung aus

von Ann Guenter - Über 60.000 Dschihadisten und ihre Gefangenen haben die letzte IS-Bastion bereits verlassen. Ein neues Propaganda-Video des IS zeigt, wie so viele auf so kleinem Raum hausen konnten.

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Die Einheiten der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) hatten ihre Angriffe auf die letzte IS-Bastion Baghus wiederholt ausgesetzt, um den IS-Kämpfern und Zivilisten den Abzug zu ermöglichen. Am 10. März nahmen sie die Offensive wieder auf. Seit Dezember haben 60.000 Menschen diese letzte IS-Stellung nahe der irakischen Grenze verlassen. Laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte war jeder Zehnte von ihnen ein IS-Kämpfer. Bilder, aufgenommen von SDF-Milizsoldaten, zeigen scheinbar, ... ... dass sich unter ihnen auch viele Ausländer befanden. Die schiere Masse an aufgabewilligen IS-Angehörigen verblüfft nicht nur die SDF. "Es kamen Zehntausende - während wir geglaubt haben, dass es um die 5.000 IS-Leute sein werden", sagte ein Vertreter der US Special Forces in der ersten Märzwoche. Das Areal des IS, auf wenige Hunderte Quadratmeter zusammengeschrumpft, ist übersät mit Zelten. Hier sind die "wertlosen" Gefangenen, reguläre IS-Soldaten und niedrige Kommandanten mit ihren Familien untergebracht - vor allem als Schutz vor Luftschlägen. Dazu hat der IS seine Gefangenen und jesidischen Sklaven rund um Baghus weitläufige Tunnelsysteme anlegen lassen. Auf den Tunnelbau verstehen sich die Jihadisten: Während dem Höhepunkt ihres «Kalifates» gaben sie dicke Handbücher mit Anweisungen zum Ausheben von Tunnels heraus. Propagandavideo aus Baghus: IS-Kämpfer Abu Abd Al-Azeem fordert die Anhänger zum Durchhalten auf. Der IS schüttet Erdwälle auf und vergräbt die Autos teilweise darin. Solche Konstruktionen schützen vor der Kälte, Waffen und Kriegsmaterial lassen sich besser vom Blick von oben verbergen. Das IS-Propagandavideo zeigt weitere Szenen aus Baghus. Die Stimmung erscheint apathisch. Zerlumpte Kinder warten auf wässrigen Brei. Es ist ein recht durchsichtiger Versuch der Extremisten, das Auseinanderbrechen ihres "Kalifats" ... ... aus der Opferperspektive zu inszenieren.

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"Der entscheidende Moment ist näher als je zuvor", twittert Mustafa Bali. Der Pressesprecher der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) hat guten Grund zum Optimismus: Nach tagelangen Angriffen auf die letzte IS-Bastion Baghus im Osten Syriens haben sich innerhalb 48 Stunden 3.000 Mitglieder der Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) ergeben.

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Mit der sich abzeichnenden Einnahme von Baghus ist das selbsternannte "Kalifat" der IS-Miliz im Irak und Syrien endgültig Geschichte.

Auch US Special Forces überrascht

Seit Beginn der Belagerung im Dezember haben 60.000 Menschen das IS-Dorf nahe der irakischen Grenze verlassen. Dass unter ihnen viele Ausländer sind, machen Bilder deutlich, die SDF-Milzsoldaten dem Schweizer Nachrichtenportal "20 Minuten" zeigen (siehe Diashow oben).

Die schiere Maße an Aufgabewilligen verblüfft nicht nur die SDF. "Es kamen Zehntausende – wir hatten damit gerechnet, dass es vielleicht um die 5.000 IS-Leute sein werden", sagte ein Vertreter der US Special Forces letzte Woche zu "20 Minuten". Über 60.000 IS-Anhänger – wo verschanzten sich all diese Personen, bevor sie sich zur Kapitulation entschlossen?

Zelte und zugeschüttete Fahrzeuge

Das Areal des IS, auf wenige hundert Quadratmeter zusammengeschrumpft, ist übersät mit Zelten. Hier sind die "wertlosen" Gefangenen, einfache IS-Kämpfer und niedrige Kommandanten mit ihren Familien untergebracht – sie sind die berüchtigten "menschlichen Schutzschilde", die der IS seit jeher zu seiner Verteidigung einsetzt.


Propaganda-Video zeigt das Innere der letzten IS-Bastion (Quelle: YouTube/The Guardian)

Neben den Zelten und einer Handvoll Gebäuden nutzt der IS aber auch Fahrzeuge zur Unterbringung seiner zahlreichen Anhänger: Dafür schüttet ein Bagger Erdwälle auf, die Autos werden teilweise darin vergraben und mit Decken und Planen umhüllt. Diese Konstruktion lässt sich gut im Hintergrund eines Propagandavideos erkennen, das der IS jetzt aus Baghus veröffentlicht hat. Sie schützt etwas mehr vor der Kälte als die Zelte. Zudem lassen sich so Waffen und Kriegsmaterial besser vor einem Blick von oben verbergen.

IS gab Handbuch zum Tunnelbau heraus

Vor allem aber hat der IS seine Gefangenen und jesidischen Sklaven rund um Baghus weitläufige Tunnelsysteme anlegen lassen. Darauf verstehen sich die Jihadisten: Auf dem Höhepunkt ihres "Kalifats" gaben sie dicke Handbücher mit Anweisungen zum Ausheben solcher Tunnels heraus. Die verbleibenden hohen IS-Kommandanten und "wertvollen" Gefangenen dürften bereits seit Wochen und Monaten in den Tunnels um Baghus ausharren – wenn sie nicht durch eben diese geflohen sind.

Die riesige Anzahl von IS-Leuten, die in Baghus im wahrsten Sinne aus den Löchern gekrochen kommen, könnte sich auch damit erklären, dass der IS nebst den Tunneln auch riesige Höhlen in den umliegenden Hügeln und Felswänden ausgehoben hat.

Geiseln in Höhlen gehalten?

Hier sollen die Extremisten noch immer jesidische Gefangene und einige westliche Geiseln halten. Verifizieren lässt sich das nicht – noch nicht. Doch SDF-Vertreter sowie ein Vertreter der US Special Forces haben letzte Woche bestätigt: Es gibt Hinweise, die nahelegen, dass der britische Fotograf John Cantlie am Leben ist und in Baghus festgehalten wird.

Cantlie war 2012 zusammen mit dem US-Amerikaner John Foley vom IS entführt worden. Foley wurde zwei Jahre später öffentlichkeitswirksam enthauptet. Cantlie tauchte später mehrfach in IS-Videos auf, ab 2014 verlor sich seine Spur.

In dem Propagandavideo aus Baghus – das genaue Aufnahmedatum ist unklar – rufen drei IS-Kämpfer Durchhalteparolen. Sie berufen sich auf Gott. Der Film zeigt auch zerlumpte und abgemagerte Kinder, die auf wässrigen Brei warten, apathisch wirkende Menschen, das schlammige Elend dieser Zeltstadt. Es ist ein ziemlich durchsichtiger Versuch der Extremisten, das Auseinanderbrechen ihres "Kalifats" aus der Opferperspektive zu inszenieren.

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  • Micky Mau am 14.03.2019 16:15 Report Diesen Beitrag melden

    Alle an die rechtmässige

    syrische Regierung übergeben, auch die Frauen und Kinder. Oder an die Jesiden. Die sollen dort bestraft werden, wo sie die Menschen jahrelang quälten.

  • Anna am 14.03.2019 21:14 Report Diesen Beitrag melden

    Totaler Krieg

    Die Täter und TäterInnen müssen dort unten vor Gericht, hier gibts keine Zeugen oder Beweise. Der Islamische Staat muss völlig besiegt werden, eine totale Niederlage und danach Verbotsgesetze.

  • SilbersteinKhNord am 14.03.2019 20:38 Report Diesen Beitrag melden

    Freundschaft

    Die Staatsbürger will die Pam zurück haben! Danke SPÖ

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  • Anna am 14.03.2019 21:14 Report Diesen Beitrag melden

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  • SilbersteinKhNord am 14.03.2019 20:38 Report Diesen Beitrag melden

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  • Micky Mau am 14.03.2019 16:15 Report Diesen Beitrag melden

    Alle an die rechtmässige

    syrische Regierung übergeben, auch die Frauen und Kinder. Oder an die Jesiden. Die sollen dort bestraft werden, wo sie die Menschen jahrelang quälten.